Die genaue Anzahl der Opfer dieses ersten großen Völkermords des 20. Jahrhunderts lässt sich nur annäherungsweise schätzen. 1913 lebten im Osmanischen Reich auf dem Gebiet der heutigen Türkei 1834 900 Armenier, zur Zeit der Gründung der Türkischen Republik 1923 waren es noch 300 000. Etwa 300 000 sind während des Kriegs, teils mit Hilfe oppositioneller alevitisch-schiitischer Kurden, über die Grenze nach Russland geflohen, andere wurden nach dem Krieg durch die Kemalisten vertrieben. Je nachdem, ob man die Opfer der Massaker zur Zeit des Sultans Abdul Hamid II, die Opfer der Kaukauskampagne Nuri Paschas 1918, die außerhalb der Grenzen der Türkei stattfanden, und die noch einmal erheblichen Opfer der kemalistischen Feldzüge und Vertreibungen nach dem Krieg zusammenzählt oder sich auf den »Kern« des organisierten Verbrechens 1915-1917 konzentriert, schwanken die Opferzahlen zwischen 800 000 und 1,4 Millionen.Wie während der großen Verfolgungswelle des Jahres 1915 werden auch hier als Erstes sämtliche Männer ausgesondert und weggeführt. Es gehe der türkischen Politik in Armenien darum, so Bernstorff, »bezüglich des Territorialbesitzes fait accompli zu schaffen«, eine Maßlosigkeit, die nach den Worten Lossows auf nichts anderes hinauslaufen kann als auf die »völlige Ausrottung der Armenier auch in Transkaukasien«. Aserbaidschan mit seiner mehrheitlich tatarischen Bevölkerung werde ohnehin bereits »als türkisch betrachtet«.
Der Feldzug in Armenien wird mit ungeheurer Brutalität geführt. Eine »Trennung zwischen Volk und militärischem Gegner« sei im Fall der Armenier, meint Enver, ohnehin nicht möglich, da sie allesamt feindlich gesinnt und, wie früher mit den Russen, nun mit den Engländern verbunden seien. Hunderttausende von Armeniern fliehen in die Berge, wo sie von den Türken bewusst dem Hunger ausgesetzt werden, wie Kress von Kressenstein, der Leiter der deutschen Delegation im Kaukasus, beobachten kann. »Systematisch und planmäßig« werde das gesamte besetzte Gebiet ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abtransportiert. Überall irren Flüchtlinge auf den Straßen hin und her. Achtzigtausend Armenier sind in den Schluchten von Bakuriani zusammengedrängt, und die Täler von Karakilissa sind voll mit Flüchtlingen. Tataren aus Kasach und Bortschalu haben, ermutigt durch die Gegenwart der türkischen Truppen, Metzeleien an ihnen verübt. Allein im Bezirk Karakilissa sind zweitausend Armenier ermordet worden. Auf dem Bahnhof von Aschaghaserail werden armenische Waisen, die mehrere Waggons füllten, gemeinsam mit ihren Lehrerinnen niedergemacht. Keineswegs, so Kress von Kressenstein, hätten die Türken »ihre Absicht, die Armenier auszurotten«, aufgegeben.
Der pantürkische Feldzug erreicht seinen Höhepunkt, als Nuri Pascha, Envers Halbbruder, im Sommer seine.»Armee des Islam« durch die aserbaidschanische Ebene auf das Kaspische Meer zuführt. Hier liegt die Hauptstadt Baku, eine Insel in dem muslimischen Land, das sich seit Ende Mai unter türkische Protektion gestellt hat. Baku ist ein strategisch wichtiges Zentrum der Ölindustrie, doch die Stadt wird von russischen Sozialrevolutionären und armeni
In diesen Tagen sind auf dem Seraskeratsplatz zwanzig Mitglieder der armenischen Huntschak-Partei wegen eines angeblich auf Talaat Pascha geplanten Anschlags gehängt worden. »In Wahrheit hatten die gehenkten Armenier, die Opfer und Werkzeuge einer innertürkischen Intrigue waren, mit den Vorgängen in Armenien gar nichts zu tun, obwohl sie zufällig Huntschakisten waren«, meint der Korrespondent der Kölnischen Zeitung zu diesen Vorgängen, die sich auf einen vermuteten Attentatsplan der liberalen türkischen Exilopposition Scherif Paschas in Paris beziehen. Der Propaganda jedoch kommt dieser Umstand sehr gelegen. Da die Huntschakisten im Unterschied zu den weit einflussreicheren Daschnaken tatsächlich für ein selbstständiges Armenien eintraten, kann nun leicht die Sache in bewusster Vermischung der Tatsachen so dargestellt werden, dass die Armenier überhaupt Separatisten sind.
Lepsius geht es bei seiner geplanten Reise jedoch in erster Linie um die Deportierten des 24. April. Am 3. Juli erhält er ein dringendes Telegramm des armenischen Komitees in Sofia, dass deren Leben in Gefahr sei. Der Abgeordnete Vramian ist allerdings schon im Mai auf dem Transport nach Bitlis umgebracht worden. Zohrab und Vartkes wurden zwischen Urfa und Diyarbakir ermordet.
In Basel, Genf und Bukarest hatte Lepsius sich auf der Hinreise mit Informationen versorgt. Es ist Krieg, die Strecke über Belgrad ist gesperrt, aus dem Hafen von Konstanza laufen keine zivilen Schiffe mehr aus, und so erreicht er erst mit erheblicher Verspätung, unterbrochen durch Fußmärsche, die durch defekte Bahngleise nötig werden, Sofia, wo er das Zentralbüro der armenischen Daschnaken-Partei aufsucht. Die bulgarische Presse berichtet offen über die Massaker und ist sehr armenierfreundlich.»Ich versuche Mittel und Wege zu finden«, lässt Lepsius den bulgarischen Außenminister aus dem Sofioter Hotel de Bulgarie wissen, »um die völlige Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei zu verhindern.«
Bei der Ankunft in Konstantinopel stellt Lepsius fest, dass die Stadt zum Gedächtnis an die Einführung der Verfassung vom 24. Juli 1908 festlich illuminiert ist. Währenddessen zittert die armenische Bevölkerung der Hauptstadt vor einer drohenden Deportation. Die Informationen, die Lepsius hier von Seiten der Botschaft, des armenischen Patriarchats oder durch Hinweise von Henry Morgenthau erhält, bestätigen ihm nur das, was er zuvor bereits durch armenische Kreise in Sofia erfahren hatte. »Lesen Sie mein erstes Buch [»Armenien und Europa« ] von 95/96 mit einem zehnfachen Vergrößerungsglase«, lässt er einen Mitarbeiter in Potsdam Anfang August wissen, »so haben Sie die gegenwärtigen Zustände im Inneren.«
Lepsius ist nun zum wiederholten Mal in Konstantinopel, doch was ihm in den verbleibenden Tagen nach der misslungenen Audienz bei Enver Pascha besonders auffällt, ist, dass diese einst kosmopolitische Stadt immer »türkischer« wird. Alle nichttürkischen Firmen- und Reklameschilder, stellt er fest, sind von den Straßen verschwunden, und auch die Straßenbezeichnungen selbst sind jetzt nur noch in Türkisch und mit arabischen Schriftzeichen angegeben, sodass sich kaum ein Europäer mehr dort zurechtfindet. Lepsius empfindet dies als deutlichen symbolischen Ausdruck einer nach der Aufhebung der Kapitulationen stark angewachsenen Fremdenfeindlichkeit, die sich zunehmend auch gegen die Deutschen richtet. Alle Geschäftskorrespondenz von ausländischen Firmen darf nur noch auf Türkisch geführt werden, und sogar für die Schilder auf den Mützen des Personals ist in Zukunft Türkisch vorgeschrieben. »Selbst der Fahrplan der Bosporusschiffe wird nur noch Türkisch veröffentlicht«, erregt sich ein österreichischer Diplomat. »Hand in Hand mit diesen Bestrebungen gehen die Anweisungen an die unteren Beamten, zumal die der Polizei, im Verkehre mit Fremden sich jeder Höflichkeit zu enthalten.«318 Sogar die Professoren der American University in Beirut sollen in Zukunft auf Türkisch lehren, obwohl es dazu keine türkischen Lehrbücher gibt und ihre meist arabischen Studenten zu drei Vierteln kaum Türkisch sprechen können.
Dr. Mehmed Nazim hatte bereits 1914 die Schädlichkeit der ausländischen, besonders der französischen Bildung für die Türken attestiert. Es sind er und der Talaat-Intimus Ali Münif Bey, die sich, nachdem sie durch ihren persönlichen Einsatz bei der Vernichtung der osmanischen Armenier die ethnische Grundlage für eine »neue Nation« geschaffen hatten, in den letzten beiden Jahren des Kriegs hauptsächlich mit der Modernisierung und Nationalisierung des Bildungswesens auf türkischer Grundlage beschäftigen. Nun, da der »innere Feind« keine Gefahr mehr darstellt, wollen sie auf ihren Schulen und Hochschulen moderne türkische »Staatsbürger« im deutschen Sinn des Worts heranwachsen sehen, die sich durch be dingungslose Loyalität der türkischen Sache gegenüber auszeichnen.
Zurück in Deutschland hält Lepsius am 5. Oktober 1915 im Berliner Reichstag eine Pressekonferenz ab, auf der er die deutsche Regierung als »Sklaven der Pforte« anklagt, was ihm sofort die Aufmerksamkeit der Militärzensur verschafft. »Inzwischen aber hat Herr Dr. Lepsius vor der Berliner Presse einen nicht für die Veröffentlichung bestimmten Vortrag über die Vorgänge in Armenien gehalten«, beschwert sich auch der Vorsitzende des Vereins deutscher Zeitungsverleger Friedrich Faber im Auswärtigen Amt. Faber macht sich Sorgen darüber, welchen Eindruck die »Darlegungen des Herrn Dr. Lepsius (...) in der Öffentlichkeit machen werden, auch auf Zeitungsleute. (...) Ich spürte das aus der Art, wie mein Chefredakteur sich gelegentlich eines Telephongesprächs dazu äußerte.« Der Journalist und Lepsius-Freund Paul Rohrbach sagt auf dieser Pressekonferenz: »Diese Vorgänge machen es uns unmöglich, die Mitverantwortung für das türkische Bündnis noch weiter zu tragen. Die Militärherrschaft hat uns in der Öffentlichkeit den Mund verbunden. Aber wir können und müssen der Regierung sagen, dass wir das Bündnis nicht mehr als ein zwischen zwei gleichberechtigten Staaten geschlossenes anerkennen können.«
Einen Tag später, am 6. Oktober, wirft ein Vertreter des Auswärtigen Amts Lepsius vor, das von ihm gezeichnete Bild entspreche nicht der Wahrheit. Die Armenier seien als von der Entente angestiftete »Insurgenten« zu betrachten. Im Übrigen solle man sich eher über die »planmäßige Vertreibung des deutschen Elements aus Marokko« und »die Verschleppung und Vergewaltigung unserer braven Ostpreußen« aufregen. Lepsius' Aktivitäten kommen der Führung in Berlin alles andere als gelegen. Deutschland befindet sich an der Seite des Osmanischen Reichs im Krieg, und da ist »Realpolitik« angesagt. »Einen Bruch mit der Türkei wegen der armenischen Frage herbeizuführen«, betont der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Zimmermann, »hielten und halten wir nicht für richtig.«
Es ist jedoch Botschafter Wolff-Metternich in Konstantinopel, der Ende 1915 ähnlich deutliche Worte findet wie Paul Rohrbach auf der Pressekonferenz von Lepsius. »Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben, müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflößen«, lässt er Reichskanzler Bethmann-Hollweg wissen. »Auch soll man in unserer Presse den Unmut über die Armenier Verfolgung zum Ausdruck kommen lassen und mit Lobhudeleien der Türken aufhören. Wir brauchen gar nicht so ängstlich mit den Türken umzugehen. Leicht können sie nicht auf die andere Seite schwenken und Frieden machen.«
Bethmann-Hollweg ist allerdings über solche Vorstöße, in seinen Augen verantwortungslose gesinnungsethische Träumereien, eher indigniert. »Ich begreife nicht, wie Metternich diesen Vorschlag machen kann«, notiert er an den Rand des Dokuments. »Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung eines Bundesgenossen während laufenden Kriegs wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht da gewesen ist. Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen.«
Wolff-Metternich findet in seinen Gesprächen mit der türkischen Regierung trotzdem deutliche Worte. Dem Großwesir teilt er im November 1915 mit, »dass die Verfolgung und Misshandlung von Hunderttausenden unschuldiger Personen keine legitime Abwehrmaßnahme eines Staates bilde«. Metternich wird für die Türken zu einer unbequemen Person. Doch immerhin bleibt er, von türkischer Seite gern herablassend als »armenischer Botschafter« bezeichnet, noch fast ein Jahr auf seinem Posten, bevor er durch eine Intrige Enver Paschas und des deutschen Marineattachés Hans Humann abberufen wird.
Im Dezember 1915 gibt es, wie das Lepsius mit seinem Besuch in Konstantinopel im Sommer ursprünglich geplant hatte, noch einmal einen diplomatischen Vorstoß in der armenischen Frage, als der Außenamtsmitarbeiter Sommer auf Anregung des deutschen Militärattachés in Teheran mit armenischen Führern verhandelt. Sie schlagen, wie Wolff-Metternich dem Auswärtigen Amt mitteilt, vor: »Schaffung autonomen Armeniens nach Beispiel deutschen Bundesstaats oder schweizerischen Kantons mit wenn möglich deutschem Souverän unter ottomanischer Oberhoheit. Sofortige Freilassung sämtlicher von Türken deportierten Armenier und Ansiedlung in armenischen Provinzen. Garantierung türkischer Versprechungen durch deutsche und österreichische Regierung.«
Max Erwin von Scheubner-Richter hatte im Spätherbst 1915 ähnliche Verhandlungen zwischen dem Talaats Vernichtungspolitik gegenüber kritisch eingestellten Ömer Naci und armenischen Daschnaken-Vertretern im Kaukasus vergeblich einzufädeln versucht. »Die Schwierigkeit«, hatte er dabei Bethmann-Hollweg wissen lassen, »scheint mir dabei mehr auf türkischer als auf armenischer Seite zu liegen.« Immerhin gelingt es ihm, Ömer Naci bei der Eroberung der Stadt Sautschbulag von jeder Gewalttätigkeit gegen die Zivilbevölkerung abzuhalten, ein Verhalten, das dort auf fast ungläubiges Erstaunen stößt. Ernsthafte Vorstöße dieser Art jedoch hätten ein entschiedenes Eingreifen von höchster deutscher Seite erfordert, so wie es Wolff-Metternich dem Reichskanzler vorgeschlagen hatte. Ganz auf der Linie Bethmann-Hollwegs ordnet Staatssekretär von Jagow deshalb kurz vor Weihnachten an: »Verhandlungen mit Armeniern einschlafen lassen. Sollten diese insistieren, Mangel an Instruktionen vorschützen.«
So enden die letzten zaghaften Schritte der deutschen Diplomatie bezüglich der »armenischen Frage«. Immerhin hat es, im Nachklang der Politik von 1913, Verhandlungen bis zu diesem Zeitpunkt gegeben. Was die armenische Seite betrifft, verdanken sich diese Initiativen der realistischen Einsicht, dass das armenische Schicksal, wenn es nicht unerwartet zu einem plötzlichen Sieg der Entente kommen sollte, ganz in den Händen des Deutschen Reichs lag.
Am 11. Januar 1916 wird ein Gespräch, das Karl Liebknecht mit Lepsius führte, Anlass zu einer Anfrage des sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag. Es ist ein solitärer Vorstoß, der im Parlament kaum Resonanz findet. »Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt«, so Liebknecht, »dass Professor Lepsius geradezu von einer Ausrottung der türkischen Armenier gesprochen ... « Hier wird der Vortrag durch die Glocke des Präsidenten mitten im Satz unterbrochen. Es kommt zu tumultartigen Szenen, der Redner versucht vergeblich weiterzusprechen. Rufe »Ruhe! Ruhe!« werden laut. Der Präsident des Reichstags: »Herr Abgeordneter, das ist eine neue Anfrage, die ich nicht zulassen kann!«
Eigentlich ist es so, dass in Deutschland kaum jemand wissen will, was im Inneren der Türkei wirklich vorgeht. Die Presse schweigt sich aus oder übernimmt unkommentiert die verzerrten Meldungen der osmanischen Nachrichtenagentur. Die Verbrechen des Kriegs, auch auf deutscher Seite, sind ohnehin kein Thema.
Doch im Sommer 1916 veröffentlicht Lepsius, der sich während der Reise nach Konstantinopel 1915 mit umfangreichen Informationen versorgt hatte, seinen Bericht »Die Lage des armenischen Volkes in der Türkei«. Trotz der drohenden Militärzensur und einer diplomatischen Intervention des osmanischen Botschafters Hakki gelingt es ihm, 20 000 Exemplare davon privat verteilen zu lassen, versehen mit dem Vermerk: »Als Handschrift gedruckt! Streng vertraulich!« Es ist ausschließlich dieser Kraftakt zivilen Ungehorsams, der die Publikation und die Verbreitung der Schrift ermöglicht hat. Selbst Mitarbeiter von Lepsius weigern sich, teils aus Angst, teils aus Gründen nationaler Besorgnis, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Niemand will das Buch drucken, bis sich endlich der Berliner Reichsbote und eine Druckerei in Neubabelsberg dazu bereit erklären. Zwei Rollwagen bringen schließlich die Tausende von Paketen zur Post, adressiert an die Superintendenten der evangelischen Kirche und versehen mit der Bitte, die Broschüren an die ihnen unterstellten Pfarrer weiterzuleiten.` Fünfhundert Exemplare erreichen auf anderen Wegen ausgewählte Persönlichkeiten und die Redaktionen der größeren deutschen Tageszeitungen. Am 29.7. 1916 geht je ein Exemplar an Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Botschafter Wolff-Metternich sowie an die Außenamtsmitarbeiter Jagow und Zimmermann.
Am 7. August 1916 wird die Broschüre von der Militärzensur verboten und, soweit greifbar, beschlagnahmt. Danach verlässt Lepsius Deutschland und siedelt ins neutrale Holland über, wo noch während des Kriegs eine niederländische Übersetzung seines »Berichts« erscheinen kann. Sie muss allerdings ohne Namensnennung des Autors anonym publiziert werden, weil die deutsche Botschaft in Den Haag Lepsius öffentliche Aktivitäten in der armenischen Angelegen heit strikt untersagt hatte. Agathon Bey, der Sekretär von Boghos Nubar in Paris, übersetzt den Bericht ins Französische. Schon 1916 liegt diese Übersetzung vor und kann in ausgewählten Exemplaren unter Armeniern und im damals »feindlichen Ausland« zirkulieren, bevor sie nach dem Krieg 1918 auch als Buch erscheint.
Im Juni 1921 wird das Berliner Landgericht zum Schauplatz eines Prozesses, der die Welt aufrüttelt. Der Angeklagte hat den Verantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern, den ehemaligen türkischen Großwesir Talaat Pascha in Charlottenburg auf offener Straße erschossen. Der junge Angeklagte wird freigesprochen. Was das Gericht nicht weiß: Er gehört dem geheimen Kommando »Nemesis« an, das sich zum Ziel gesetzt hat, die untergetauchten Haupttäter des ersten großen Genozids unserer Zeit, dem 1,4 Millionen Armenier zum Opfer fielen, zur Strecke zu bringen. Die Massaker zur Zeit des Sultans Abdul Hamid II., die Europa schockieren und Kaiser Wilhelm II. gleichgültig lassen. Die Entstehung eines aggressiven türkischen Nationalismus und schließlich die systematische Vernichtungspolitik unter dem Schutz des Bündnisses mit dem Deutschen Reich im Ersten Weltkrieg.
Offensichtlich hat das Familiengedächtnis bei vielen Türken Erinnerungen aufbewahrt, die die offizielle Propaganda über Jahrzehnte vergeblich zu tilgen versuchte. Die europäische Option der Türkei hat da in den letzten Jahren einige Türen geöffnet. Im Frühjahr 2003 fanden in einigen türkischen Fernsehkanälen im Vorfeld des 24. April Diskussionen zum Thema statt, an denen auch Vertreter der armenischen Gemeinschaft teilnahmen.
Andererseits jedoch verbreiten die offiziellen Verlautbarungen, insbesondere des türkischen Außenministeriums, nach wie vor eine konsequente Strategie der Leugnung, die in Tonfall, Sprache und Argumentationsniveau oft an die sowjetische Gulag-Leugnung vor der Perestroika erinnert. Für einige Unruhe sorgte im Frühjahr 2003 ein Ministerialerlass des türkischen Bildungsministers, in dem sämtliche türkischen Schulen der Sekundarstufe aufgefordert wurden, einen Aufsatzwettbewerb zum Thema »Die Rebellion der Armenier im Ersten Weltkrieg und ihre Taten« durchführen zu lassen. Ziel der Initiative war es, so der Wortlaut des Erlasses, »eine Jugend heranzuziehen und eine Öffentlichkeit zu schaffen, die angesichts der verschiedensten Bedrohungen gegen die Einheit und Gesamtheit der Türkei die historischen Realitäten überzeugend vertreten kann«. Lange werden sich solche Methoden staatlicher Indokrination nicht mit europäischen Optionen und Wünschen vereinbaren lassen. Zur Sache hatte sich der türkische Historiker Halil Berktay schon vorher in einem Interview zu Wort gemeldet. Zwischen zehn- und zwanzigtausend Türken, so Berktay, seien der armenischen »Rebellion« zum Opfer gefallen: »Doch die Frage ist nicht, ob sie nur verhältnismäßig wenige töteten und die Osmanen viele. Die Sache ist vielmehr so, dass die Aktivitäten armenischer Guerillabanden generell nur in lokalem Maßstab stattfanden und isolierte kleine Aktionen darstellten.« Von einer allgemeinen, die Existenz des Osmanischen Reichs bedrohenden »Rebellion der Armenier im Ersten Weltkrieg« kann also, laut Berktay, aus der wissenschaftlichen Sicht des Historikers keine Rede sein.
Die europäische Option der Türkei hat aber auch im Land selbst eine gewisse Eigendynamik entwickelt, sodass sich eine neue und selbstbewusste Freiheit der Debatte nicht so ohne weiteres wieder zurückdrehen lässt. Die Militärs warnten sogleich davor, mit einer Debatte über ihre Herkunft die Werte und Gefühle der Nation lächerlich zu machen und damit den sozialen Frieden und die nationale Einheit zu gefährden. Doch da machte sich plötzlich ein Einwand von unerwarteter Stelle bemerkbar. Wenn die Türken nicht einmal über dieses Thema offen sprechen könnten, so der Chefredakteur des Massenblatts Hürriyet, wie würden sie dann jemals über die »Ereignisse von 1915« diskutieren können, während deren 1,5 Millionen Menschen getötet wurden?
»Ich behaupte, die Fortsetzung der Leugnungspolitik der Türkei widerspricht ihren nationalen Interessen«, resümiert der Journalist Murat Belge. »Der Grund für diese Behauptung ist sehr einfach: weil sie falsch ist. Jede Politik, die auf falschen Prämissen beruht, ist dazu verdammt, über kurz oder lang in sich zusammenzufallen.«
So sehr man aber über Zahlen streiten mag, das Ergebnis, die vollständige Vernichtung des armenischen Einflusses in Anatolien, ist jedoch eindeutig. Heute leben nur noch 60000 Armenier in der Türkei, vorwiegend in Istanbul. Ebenso eindeutig ist, dass der Völkermord an den Armeniern ohne die schützende Hand des Deutschen Reiches während des Waffenbündnisses mit der Türkei im Ersten Weltkrieg kaum möglich gewesen wäre.