Es ist bekannt, dass Adolf Hitler seine Truppen vor dem Marsch zur Feldherrenhalle1923 vor dem Gerichtshof in München in derTradition von Enver Pascha (der mit seinem geplanten Marsch nach Konstantinopel eine neue Nation aufbaute) aufstellen wollte. Damit wollte Hitler moeglicherwiese eine Ahnenreihe aufstellen, die von Enver über Mussolini bis zu ihm selbst reichte. Bezuglich Ludendorff, der Hitler unterstuetzte (oder vielleicht eher umgekehrt, Hitler ihn) hatten die Briten bereits 1920 nicht nur die Auslieferung von Enver sondern tatseachlich auch von Hindenburg und, Ludendorff verlangt.Am 1. August 1914 saß der Armenier Krikoris Balakian in einem Hörsaal der Berliner Universität Unter den Linden und wartete auf den Auftritt desTheologieprofessors Adolf von Harnack, dessen Vorlesungen er regelmäßig besuchte. Harnack, einDeutschbalte aus Dorpat mit guten Russischkenntnissen, war ein Kenner der Ostkirchen, um den sich auch Viele in Deutschland studierende Armenier scharten. Es war der letzte Vorlesungstag des Sommersemesters, als Harnack zur Überraschung besonders seinerausländischen Hörer plötzlich eine enthusiastische Ansprache hielt, in der er den Beginn des Kriegs in den nächsten Tagen ankündigte und die Studenten zu den Waffen rief, um das Volk Luthers und seine Kultur gegen dessen Feinde zu verteidigen. Krikoris Balakian hat nach diesem Auftritt den Hörsaal irritiert verlassen. Unter den Linden waren überall in den Geschäften Bilder von Bismarck und Moltke zu sehen, Mengen strömten auf das Stadtschloss zu und sangen, als die Mobilmachung bekannt wurde: »Nun danket alle Gott«. Mitte September beschließt Balakian, Deutschland zu verlassen, und reist über Breslau und Budapest Nach Konstantinopel. Dort wird er dan am 24. April 1915 in Konstantinopel verhaftet.»Ich war im Jahre 1914, als der Weltkrieg begann, in Berlin undverließ Berlin Mitte September 1914, um direkt nach Konstantinopel zu gehen«, sagt der als Zeuge im Prozess gegen Soghomon Tehlirjan 1921 nach Berlin geladene Balakian vor Gericht. »Dort wurde ich nach sechs bis sieben Monaten am 24. April 1915 mit 280 anderen armenischen Intellektuellen polizeilich festgenommen und verbannt.«
Balakian war einer der wenigen Überlebenden Dieser Verhaftungswelle, der am nächsten Tag eine Weitere folgen sollte und die darauf abzielte, nach Möglichkeit alle intellektuellen und politischen Meinungsführer der osmanischen Armenier mit einemSchlag auszuschalten. In große rote Militärbusse gepfercht, werden die Verhafteten, wie Krikoris Balakian in seinen Memoiren erzählt, zunächst in die Kasernen Von Selimiye auf der asiatischen Seite gebracht und dann mit einem Boot in das Zentralgefängnis von Sirkedji auf der europäischen Seite verfrachtet. Am nächsten Morgen werden sie durchsucht, und alles, was sie Bei sich haben - Geld, Zettel, Taschenmesser, Stifte, Tagebücher, selbst Schirme und Spazierstöcke -, wird konfisziert. In Gruppen von zwanzig Leuten, Jeweils bewacht von einem Dutzend Gendarmen, werden sie schließlich in einem Konvoi von Militärlastwagen unter der Führung von Bedri Bey auf ein Dampfschiff gebracht, das sie über das Marmarameer nach Haidar Pascha übersetzt. Dort, auf dem Bahnhof der Anatolischen Eisenbahn, erwartet sie bereits ein verdunkelter und scharf bewachter Sonderzug.»Wir wurden 36 Stunden per Bahn befördert bis nach Angora (Ankara)«, bezeugt Balakian dem Berliner Gericht. Alle anderre totgeschlagen, nur 16 von diesen etwa 190 Personen blieben übrig. Anderre Verhaftungen des 24. April und der kommenden Tage ging es genauso, es war ein Schlag, der viele Armenier völlig unvorbereitet getroffen hat.
Noch im Februar 1915 hatte der armenische Daschnaken-Vertreter Liparit Nasariantz in einerAnwandlung von Zweckoptimismus Talaat Pascha als einen Mann bezeichnet, der »den Ruf eines aufrichtigen Anhängers der türkisch-armenischen Freundschaft genießt«. Auf eine von langer Hand geplante armenische Verschwörung und einen bevorstehenden Aufstand deutet das jedenfalls nicht hin. Doch nur wenige Tage vor dem 24. April hatte die Belagerung des »rebellischen« Wan begonnen, und Konstantinopel bereitet sich angesichts der bevorstehenden Kämpfe um Gallipoli erneut auf eine Evakuierung vor. Die Maßnahmen, die das Komitee ergreift, sind in jedem Fall drastisch. Bereits am 10. April sind zweiundzwanzigtausend auf Gallipoli lebende Christen, meist Griechen, innerhalb von zwei Stunden nach Ankündigung deportiert und ins Innere Antatoliens verschleppt worden. Wenig später werden alle christlichen Siedlungen entlang des Marmarameers »aus Sicherheitsgründen« geräumt. Enver und Talaat’ haben öffentlich erklärt, dass sie nicht mehr leben wollen, wenn sie besiegt werden.
Die Weltöffentlichkeit ist von Anfang an genauestens über die Vorgänge in der Türkei informiert.
»Auf Ersuchen der russischen Regierung, unterbreitet Durch Botschafter Bakhmeteff«, so die New York Times Vier Tage nach dem Beginn der Massenverhaftungen in Konstantinopel, »telegraphierte Staatssekretär Bryan Botschafter Morgenthau, die türkischen Behörden Unter Protest aufzufordern, Maßnahmen für den Schutz Der gefährdeten Armenier zu ergreifen und die Wiederkehr religiöser Ausbrüche zu verhindern.« Doch stattdessen gilt Envers Hauptsorge in diesen Tagen der Verteidigung der Dardanellen mit allen Mitteln Des totalen Kriegs. Britische und französische Granaten, lässt er Morgenthau am 2. Mai wissen, würden überallauf Gallipoli ungeschützte muslimische Dörfer zerstören und Hunderte von unschuldigen Zivilisten töten.Geheime Befehle werden bereits Ende April in alle Provinzen versandt, wie ein Empfänger solcher Depeschen, der Platzkommandant von Alexandrette (Iskenderun), bestätigt. »Schonungslosestes Vorgehen gegen armenische Umtriebe - hängen, brennen, zerstören«, wird dort von den lokalen Behörden gefordert. Der Platzkommandant allerdings, kein Mann des Komitees, sieht die Sache eher nüchtern und gibt zu verstehen, dass »hier in Alexandrette Umtriebenicht am Werke sind«. Andernorts jedoch wird »entschlossenes Handeln« gemeldet. Reschid Bey, 1889 einer der vier Gründungsmitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt, war Ende März, nach den Sitzungen des Zentralkomitees, auf denen Bahaeddin Schakir erfolgreich ein entschiedeneres Vorgehen gegen den »inneren Feind« gefordert hatte, zum Wali von Diyarbakir berufen worden. »Wir werden sie liquidieren, bevor sie uns eliminieren«, rechtfertigt er sein beispielloses Wüten gegen wirkliche und vermeintliche armenische Deserteure und Verräter. Bereits am 1. April hat er überall in der Stadt Plakate anbringen lassen, in denen die Armenier ultimativ aufgefordert werden, sofort alle Waffen abzuliefern. »Überall wurden Männer ins Gefängnis geworfen und gefoltert, damit sie gestanden, wo man die vermeintlichen Waffen versteckt habe«, berichtet der Amerikaner Floyd Smith aus Diyarbakir, »einige verloren unter der Folter den Verstand im Unterschied zu den Massakern von 1895/96 oder in Adana 1909 finden die Verfolgungen von 1915 in einer Zeit statt, die nicht von besonderen religiösen oder ethnischen Spannungen gekennzeichnet ist. Im Gegenteil. »in jedem Dorf, wo ich anhielt, fand ich verlassene Häuser, und die Not war bedrückend, weil die Ernährer an die Front gegangen waren«, beobachtet der im anatolischen Siwas geborene amerikanische Missionar Henry Riggs in den ersten Tagen des Kriegs. »Armenier und Muslime waren gleichermaßen von Diesem Elend betroffen, und zwischen den Volksgruppen entwickelten sich Bande von Freundschaft und Sympathie.«
Während der ersten Monate des Jahres 1915, so auch Henry Riggs, habe er nirgendwo unter der Muslimischen Bevölkerung Anzeichen dafür finden können, dass Sie ihre armenischen Nachbarn fürchteten oder ihnen misstrauten. »Es gab keine Anzeichen vonFeindseligkeit oder religiösem Fanatismus«, stellt er fest, »und als der Sturm schließlich zu wüten begann, erkannten wir, die wir mitten in ihm lebten, klar Und deutlich, dass dies kein spontaner Ausbruch des Volkszorns war.«Seit Ende 1914 haben Komitee und Regierung versucht,die Stimmung gegen die Armenier gezielt’zu schüren. Im Januar und Februar 1915 macht nach der Niederlage von Sarikamis und in einer Zeit der angespannten Versorgungslage plötzlich das Gerücht die Runde, Armenier hätten in den Armeedepots Brot und Nahrungsmittel vergiftet. Christliche Ärzte, so erzählt man sich, um die Hohen Verluste zu erklären, sollen muslimischen Soldatenheimlich Gift verabreicht haben. Als am 29. Januar im Haus eines aus Amerika zugewanderten Armeniers in Kayseri eine selbst gebastelte Granate explodiert,werden daraus über Nacht schnell einmal »Tausende von Bomben«, die als Beweis für einen unmittelbar bevorstehenden armenischen Aufstand dienen sollen. Doch die Propaganda lässt nicht nach. Die Zeitung Tanin lanciert kurz vor der italienischen Kriegserklärung die Nachricht von einer angeblich in Geheimschrift verfassten Korrespondenz mit dem feindlichen Flottenkommando vor den Dardanellen. »Der Feind wurde aufgefordert«, will das jungtürkische Kampfblatt wissen, »in Konstantinopel binnen fünf Tagen einzuziehen und die christliche Fahne wieder auf der heiligen Sophie [Hagia Sophia] aufzupflanzen. Das Thema »Geheimschrift« entwickelt sich geradewegszu einer Obsession. Henry Riggs erzählt, wie der Polizeichef von Harput bei einer Hausdurchsuchung in der amerikanischen Mission zu einem Haufen unbeschriebenen Papiers gegriffen und die Blätter in Wasser getaucht hatte, um anschließend gespannt auf das Auftauchen einer Geheimschrift zu warten. Nicht einmal das Toilettenpapier kommt ihm unverdächtig vor. Ohnehin haben die bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmten armenischen Bücher, Aufzeichnungen und Briefe für viele Türken den Charakter von Geheimdokumenten schon deshalb, weil sie weder die Sprache noch die merkwürdigen und fremdartigen armenischen Schriftzeichen verstehen. Ende Mai lässt Enver armenische Zeitungen und Postkorrespondenzen verbieten. Jede gefundene Mitgliederliste einerKirchenorganisation oder eines Presbyterkreises wird in einer solchen Stimmungslage schnell zum Beweis für ein endlich aufgedecktes Geheimkomitee hochstilisiert
Unter Folter erpresste »Geständnisse« werden von der Propaganda wirkungsvoll ausgeschlachtet. »Ein alter Priester wurde so grausam gefoltert, um ein Geständnis zu erzwingen«, berichtet ein deutscher Augenzeuge, »dass er schließlich in seiner Verzweiflung und im Glauben, die Folter damit beenden zu können, schrie: >Ja, wir sind Revolutionäre<«.
In Harput sind bei einem Drogisten selbst gebastelte Bomben gefunden worden. »Davor waren eine Reihe unserer Lehrer und Professoren verhaftet worden«, So die Amerikanerin Tracy Atkinson. »Nun begann man Sie zu foltern, damit sie gestehen, Bomben zu besitzen. Sie schlugen sie, sperrten sie ein und folterten sie. Es wurde bekannt, dass man Prof. Tenekedjian schrecklich geschlagen und ihm sein Kopf- und Barthaar ausgerissen hatte.
Im Jahr 1917 scheint sich auf den ersten Blick Einiges geändert zu haben. Wenn es zu einem Separatfrieden mit Russland kommen sollte, verkündet Talaat nach derrussischen Oktoberrevolution im Spätherbst, habe erdie Absicht, einen allgemeinen Gnaden- undAmnestieerlass für alle Armenier zu verkünden. Erb espricht diese Frage Anfang 1918 sogar mit Trotzki,den er während der ersten Friedensverhandlungen inBrest-Litowsk im Januar kennen gelernt hatte. Es istoffensichtlich, dass die Regierung Talaat Pascha, dieseit seiner Ernennung zum Großwesir Anfang Februar1917 im Amt war, schon frühzeitig, wie derösterreichische Botschafter Pallavicini süffisant bemerkt, alles unternommen hat, um »ein für dieFriedensverhandlungen günstigeres Terrain zu schaffen, indem die Schuld für die Massaker der früherenRegierung (unter dem Großwesir Said Halim) in dieSchuhe geschoben wird«.”’Die Aufgabe ist erledigt, la question armeniennen’existe plus, die armenische Frage existiert nichtmehr, wie Talaat weiß, doch »das Gefühl, dass diearmenische Frage von allen Mächten (Freund oder Feind)zum Anlass genommen werden wird, um sich wie früher indie inneren Fragen der Türkei einzumischen«, nimmt in dem Maße wieder zu, in dem der Krieg seinem Endeentgegenzugehen scheint und die Türkei sich inkünftigen Friedensverhandlungen erneut mit einerinternationalen Öffentlichkeit konfrontiert sieht, vorder sie der Krieg und das Bündnis mit Deutschland bis dahin geschützt hatte.Im März 1917 ist das Deportationsbüro in Aleppo aufgelöst worden. Nichts allerdings deutet darauf hin,dass sich die Praxis im Jahre 1917 flächendeckendgeändert hat. Schon am 25. März meldet die deutsche Botschaft, die Armenierausweisungen hätten wiedereingesetzt. Andererseits hat es nach dem Frieden von Brest-Litowsk 1918 tatsächlich Amnestien von »Langzeitdeportierten« gegeben. Jedenfalls kann Pailadzo Captanian, die in Aleppo überlebt hat, im Sommer Syrien Richtung Konstantinopel verlassen. Das waren allerdings Einzelfälle, die nie zu einer generellen Praxis geworden sind und die durch dieEreignisse auf dem Kriegsschauplatz im Kaukasus bald überholt wurden. Die beherrschende Richtung im Komitee hat, angeführt von Enver Pascha, nach der Oktoberrevolution in derSchwäche Russlands eher eine Chance zur Revanche als ein Motiv zur Mäßigung gesehen. Weit davon entfernt, sich Gedanken über günstige Friedensbedingungen zumachen, kochen hier plötzlich wieder pantürkischeExpansionsträume hoch. Das vorläufige Ziel heißt Baku. Und unversehens nimmt auch die antiarmenische Propaganda wieder zu. Seit dem 13. März 1918 häufen sich, verordnet durch Envers Kriegsministerium, dieantiarmenischen Artikel in der Presse.
Der Krieg, soTanin am 20. März, habe die Armenier hoffentlichendgültig vom verhängnisvollen Weg des »Imperialismus«abgebracht und sei ihnen »eine große Lehre« gewesen.‘Sichtlich liegt darin auch eine Warnung an die ehemalsrussischen Armenier in der nach der Oktoberrevolution neu entstandenen Transkaukasischen Föderation, wenn man unter »Imperialismus« in diesem Falle allesverstehen will, was türkischer Großmachtpolitik imWege steht. Die nationale Kraft der Türken,triumphiert die Zeitung Tercüman, sei »unerschöpflich«. Konstantinopels herrschende Kreise, stellt der neue deutsche Botschafter Bernstorff in diesen Tagen irritiert fest, sind nach dem Brest-Litowsker Frieden wieder einmal von einemmaßlosen »Taumel des Siegesbewusstseins, Nationalismus und PanIslamismus« erfasst worden. Die armenischen Provinzen Ostanatoliens, in die unterdem Schutz der Russen 1917 etwa 150 000, armenische Flüchtlinge zurückgekehrt waren, werden nun, als sichdie russische Armee nach der Revolution in Auflösung befindet, erneut türkisches Angriffsziel und Ort neuer Vertreibungen. Ungeheure Grausamkeiten werden Mitte März aus Trapezunt gemeldet. Batum wird Mitte Aprilerobert. Das alles geschieht im Widerspruch zu den Friedensbedingen von Bres , die ausdrücklich das Selbstbestimmungsrecht der kaukasischen Völker einschließlich der Bezirke Kars, Ardahan und Batuman erkannt haben. Enver befindet sich an Bord derGül-Nihal auf der Passage nach Trapezunt, als er dieNachricht vom Fall Batums erhält. Mit ihm auf dem Schiff ist fast das ganze Große Hauptquartier. Erlässt in Trapezunt nur kurz anlegen, um jemanden an Bord zu nehmen, und nimmt sofort Kurs auf dasstrategisch wichtige Batum in Georgien. Alles steheim Kaukasus großartig für die Türken, schwärmt er nach seiner Rückkehr in Konstantinopel dem deutschen Botschafter vor. Kars fällt am 25. April 1918; imVertrag von Batum wird nach dem Zerfall der Transkaukasischen Föderation der armenische Staat am 3. Mai auf die ehemals russischen Regionen Eriwan und Sevan begrenzt. Zum ersten Mal seit zweihundert Jahren hat das Osmanische Reich wieder einen Gebietsgewinn zu verzeichnen.Was ihm durch die Niederlage bei Sarikamis am Anfangdes Kriegs versagt blieb, sucht Enver nun nachzuholen.
Militärisch gesehen ist der Feldzug durch den Kaukasusangesichts der in Mesopotamien vorrückenden britischen Truppen von vornherein ein Vabanquespiel, von dem der nüchtern denkende Hindenburg Enver immer wiederabzubringen versucht. Vergebens, denn längst hat das Komitee sich von einer gemeinsamen Kriegsplanung verabschiedet und führt nun einen rein »türkischen« Krieg, wie General von Lossow mit einem gewissen Recht vermutet. Es geht um nichts weniger als um die nachdem Zusammenbruch des russischen Erzfeindes gewissermaßen in historischer Stunde wiederauferstandene Vision eines panturanischen Großreichsvom Bosporus bis zu den Hochebenen Ostchinas, eine Obsession, für die Enver und seine Leute alles aufs Spiel zu setzen bereit sind und der sie rücksichtslos alles andere unterordnen. Nichts, was in Brest-Litowsk vereinbart wurde, stellt Lossow bereits Mitte Mai fest, gilt mehr. Auch dieehemals russischen Gebiete Armeniens werden nun überrollt, als seien sie eine alte türkische Erbmasse. Kurdische und tatarische Freiwillige begleiten dieArmee in diesem neuen Weltanschauungsfeldzug und rauben und morden nach bekanntem Muster in allen armenischen Ortschaften, die auf schen Daschnaken mit Unterstützung eines britischen Expeditionskorps unterdem Kommando von Generalmajor L. C. Dunsterville beherrscht. Die Deutschen hatten auf eine kurzfristige Sowjetisierung Aserbaidschans gesetzt und für diesenFall Anfang September mit Lenin einen Vertrag über die Nutzung der Ölvorkommen Bakus unterzeichnet. Dochdarauf nimmt Envers »türkischer« Krieg jetzt keineRücksichten mehr. Baku soll türkisch werden.»Über der schwarzen Stadt hingen mächtige Rauchwolken.Türkische Artillerie hatte am 15.9. vormittags einen Massut-Tank in Brand geschossen«, berichtet Oberstleutnant Paraquin nach dem Einzug von Nuris»Armee des Islam« in Baku. »Die Straßen waren fastmenschenleer. Die Läden und Häuser waren nahezu ausnahmslos geplündert.« Schon bei der Einfahrt indie Stadt hatte er Kinderleichen auf den Straßenliegen sehen und laut vernehmliche Hilfeschreiegehört. Die Eroberung Bakus ist, wie kaum anders zuerwarten, von großen Massakern und Plünderungenbegleitet gewesen. Offensichtlich, so Paraquin, hatte Nuri das erlaubt.
Auch während einer Stundendauernden Parade, mit der Nuri seine Truppen und Kanonen zum Zeichen des Sieges in der Stadtaufmarschieren lässt, geht das Morden und Plündernweiter, begleitet von einer beispiellosen »innerenTeilnahmslosigkeit« des gesamten türkischenOffizierscorps, wie Paraquin feststellen kann. Nichts,auch nicht der erregte dänische Konsul, kann sie zumEingreifen bewegen, um Ordnung zu schaffen.Stattdessen lässt Nuri auf einem großen Festmahl im Hotel Metropol nach der Siegesparade in Hochstimmungdas Kaukasuslied aufspielen. »Mit unverhohlenemTriumph wurde mir der Inhalt verdeutscht«, berichtet Paraquin, »dass nunmehr die Türkei sich ihr altes Eigentum, den Kaukasus, wiederholen werde.« Doch daraus wird nichts.Während Nuri Pascha in Baku von einem turanischen Großreich in Mittelasien träumt, beginnt die Autoritätder Zentralregierung in Konstantinopel zu schwinden.Der Tod des Sultans Mehmed Reshad am 3. Juli hatte denkomiteekritisch eingestellten Vahidettin auf den Throngebracht. Britische Bombenangriffe versetzen im JuliKonstantinopel in Panik. Mitte September erklärt sichder neue Sultan an der Stelle Envers zum Oberkommandierenden der Osmanischen Streitkräfte, Funktionäre des Komitees im Beraterstab des Sultanswerden entlassen und durch Vertraute Vahidettins ersetzt. Währenddessen nimmt die Hungersnot in Konstantinopel katastrophale Ausmaße an. Talaat siehtsich aus diesem Grund Anfang September gezwungen, eigens nach Berlin zu fahren, um dort die dramatische Situation zu erklären und einen Kredit fürLebensmittel einzufordern. Auf seinem Rückweg will er in Sofia Station machen, um Zar Ferdinand zu sprechen.Doch als er dort eintrifft, befindet sich Bulgarienschon mitten in Friedensverhandlungen. Talaatrealisiert sofort, dass der Krieg nun verloren ist, trotz der phantastischen Träume, die Envers Kaukasuspolitik in den letzten Monaten produziert hat.
Talaat scheint auf diese Situation gut vorbereitet gewesen zu sein. Schon den nächsten Aufenthalt währendder Rückreise nutzt er zu einem Treffen mit demörtlichen Gouverneur auf dem Bahnhof von Adrianopel, um ihm Instruktionen für die Zeit nach dem Krieg zuerteilen. Thrazien müsse unter allen Bedingungen türkisch bleiben, sagt er ihm, und aus diesem Grundmüssten organisatorische Vorbereitungen zur Verteidigung der türkischen Interessen nach dem Krieg getroffen werden.
Wenig später werden die TeskilatiMahsusa damit beauftragt, im ganzen Land ein Netz fürden kommenden nationalen Widerstand gegen eventuelleTeilungspläne der Entente aufzubauen. Der Krieg istfür Talaat zwar einstweilen verloren, aber noch nicht vorbei. Er selbst tritt gemeinsam mit Enver am 10. Oktoberzurück, um einer Regierung Platz zu machen, dieunbelasteter mit der Entente verhandeln kann, gleichwohl aber weiter der Kontrolle des Komiteesuntersteht, und trifft Vorbereitungen für seine Fluchtnach Berlin. Zwar ist er nun kein Regierungschef mehr, doch als Parteimann, der einer »heiligen Sache«verpflichtet ist, will er weiter derjenige bleiben,der im Land die Fäden zieht.
Kurz vor seiner Abreise findet in der letzten Oktoberwoche 1918 ein Treffen in Envers Villa statt, bei dem auf Talaats Initiative hineine zweite Widerstandsorganisation aus der Taufegehoben wird. Die Geheimorganisation Karakol hat Verbindungen zur Teskilati Mahsusa und ist nach dem bewährten klandestinen »Zellensystem« des Komitees organisiert.
